Künstliche Intelligenz

Biotech & MedTech 2027: Warum die KI-Rally erst am Anfang stehen könnte

Biotech und Medizintechnik: Warum der Sektor trotz Rally weiter Chancen bietet

Wer Biotech-ETFs beobachtet, kennt das Bild der letzten Monate. Der SPDR S&P Biotech ETF (XBI) liegt seit Jahresbeginn rund 23 Prozent im Plus und hat auf Zwölf-Monats-Sicht etwa 40 Prozent zugelegt. Zuletzt ist er jedoch wieder zurückgekommen und notiert gut elf Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch.

Ist die Party also vorbei, oder fängt sie erst an? Die Datenlage spricht dafür, dass die Bewegung mehr ist als Stimmung. Sie ruht auf harten klinischen Ergebnissen, einer Übernahmewelle und einer echten technologischen Beschleunigung. Biotech bleibt trotzdem ein Sektor mit binären Ereignissen. Dieser Artikel ordnet beides ein. 

Die klinischen Daten sind real

Den stärksten Rückenwind liefern die Studien selbst. Bei Retatrutid, dem Triple-Agonisten von Eli Lilly, lag der Gewichtsverlust in der Phase-3-Studie TRIUMPH-1 bei 28,3 Prozent nach 80 Wochen, und in der Verlängerung bei 30,3 Prozent nach zwei Jahren. Das ist ein Bereich, den man bisher nur von Magenoperationen kannte.

In der Onkologie verlängerte der RAS-Hemmer Daraxonrasib das mediane Überleben bei metastasiertem Bauchspeicheldrüsenkrebs auf 13,2 Monate gegenüber 6,7 Monaten unter Chemotherapie. Das Sterberisiko sank um 60 Prozent, bei einer Erkrankung, die als eine der härtesten gilt.

Auch das Gen-Editing hat den Beweis angetreten. Eine einmalige CRISPR-Infusion senkte die Attackenrate beim hereditären Angioödem in einer Phase-3-Studie mit 80 Patienten um 87 Prozent. 62 Prozent der behandelten Patienten blieben attackenfrei, unter Placebo waren es 11 Prozent.

Intellia hat die Einreichung bei der FDA begonnen und peilt Zulassung und Markteinführung für die erste Hälfte 2027 an. Beim Melanom hat der personalisierte mRNA-Impfstoff Intismeran von Moderna und Merck als erste randomisierte Phase-3-Studie gezeigt, dass ein Neoantigen-Impfstoff Rückfälle reduzieren kann.

Und in der Rektumkrebs-Therapie bekam Dostarlimab am 19. Oktober die beschleunigte FDA-Zulassung, wobei 71 Prozent der Studienpatienten keine weitere Behandlung brauchten. 

KI als Kostenhebel, nicht als Zauberstab

Die KI-Erzählung ist real, aber nüchterner, als sie klingt. Mehr als 170 KI-gestützte Programme befinden sich in klinischer Entwicklung, gegenüber rund zwei Dutzend Ende 2023. Mit Rentosertib von Insilico ist erstmals ein Wirkstoff in Phase 3 gestartet, bei dem sowohl Zielstruktur als auch Molekül mit generativer KI identifiziert wurden. Lilly hat Insilico Zahlungen von bis zu 2,75 Milliarden Dollar zugesagt.

Gleichzeitig gilt: Bis Juli 2026 hatte kein von KI entdecktes Medikament eine volle FDA-Zulassung erhalten, und der Phase-3-Readout von Rentosertib wird erst für das vierte Quartal 2029 erwartet. KI verkürzt also vor allem die frühen Phasen. Der Beweis entsteht weiterhin in der Klinik.

Übernahmen und Patentklippe als Stütze

Ein zweiter Treiber sind die Großkonzerne. Rund 300 Milliarden Dollar an Arzneimittelumsätzen laufen bis 2030 aus dem Patentschutz. Das erzeugt Druck, Pipelines zuzukaufen. Lilly zahlte etwa 1,3 Milliarden Dollar für Verve Therapeutics. Die Lazard-Studie unter Branchenführern nennt Übernahmen und KI-Effizienz als die wichtigsten Chancen. Die zuvor dominierenden Sorgen um Zölle und Preisdeckel gelten laut einer Marktanalyse als weitgehend entschärft. 

Medizintechnik: selektiver, aber nicht ohne Perspektive

In der Medizintechnik ist das Bild gemischter. Die KI-Integration schreitet voran: Die FDA genehmigte allein 2025 331 KI-gestützte Medizinprodukte. Zudem stieg der M&A-Wert im ersten Halbjahr 2026 um 160 Prozent, und die Stimmung hellte sich im Juli und August deutlich auf. Dem steht gegenüber, dass klassische Gerätehersteller durch GLP-1-Medikamente unter Druck stehen.

Der iShares-Medizintechnik-ETF befindet sich laut Barchart in einer „Show-me“-Phase. Hier lohnt sich der Blick auf einzelne Segmente statt auf den gesamten Sektor. Als Langfristoption bleibt die Xenotransplantation: Ein Patient lebte mit einer Schweineniere rekordverdächtige 271 Tage ohne Dialyse. 

Der Körper als Software – Wie KI und Gen Editing Biotech Aktien neu bewerten

Die Risiken gehören dazu

Biotech ist kein linearer Trend. Nur 6,7 Prozent der Programme, die in Phase 1 starten, werden zugelassen. Auch bei den KI-Kandidaten gilt: Die Phase-2-Erfolgsquote liegt laut einer BCG-Analyse bei rund 40 Prozent und damit auf dem historischen Niveau. Die FDA bleibt laut Marktbeobachtern ein Restrisiko wegen öffentlicher Turbulenzen der vergangenen zwölf Monate. Bei Retatrutid ist noch keine Einreichung erfolgt, außerdem tauchten Harnwegsinfektionen als neues Sicherheitssignal auf.

Beim Melanom-Impfstoff sind Gesamtüberleben, Herstellungsgeschwindigkeit und Preis noch offen. Dostarlimab betrifft zudem nur eine kleine Gruppe, etwa drei Prozent der lokal fortgeschrittenen Rektumkarzinome sind dMMR/MSI-H. Bei VERVE-102 handelt es sich um Phase-1-Daten. Gleichzeitig bleiben Zinsen ein Faktor, denn Biotech zählt zu den langlaufenden Anlagen.


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Was machen wir nun aus den ganzen Informationen?

Die Chancen im Biotech- und MedTech-Sektor sind real, weil Studiendaten, Übernahmedruck und technologische Beschleunigung in dieselbe Richtung zeigen. Von den Fällen, in denen KI & Automatisierung mithelfen, dass die Zeit für Versuche und Forschung verkürzt werden oder sogar neue Impulse dabei geben, waren in den letzten Monaten deutlich angestiegen. Dazu zählen auch immer mehr Berichte über mithilfe von KI&Co in Grundlagenforschung, wie Biologie, Mathematik und Physik. Aber hier dauern die konkreten Ergebnisse länger.

Wer den Sektor verfolgt, tut gut daran, Katalysatoren wie Zulassungsentscheidungen im Blick zu behalten, Einzelrisiken zu streuen und die hohe Schwankungsbreite einzuplanen. Dieser Artikel ist wie immer keine Anlageberatung. Zudem würde ich hier nicht auf Einzel-Aktien setzen. Zuviel kann von einer Entdeckung bis zur Zulassung am Markt noch passieren und bei Enttäuschungen werden solche Aktien am Markt auch hart abgestraft. Hier würde ich in jedem Fall via ETF agieren.

Eine alternative Sicht aus einer anderen Dömäne

Ich bin John Harrison, Tischlersohn aus Yorkshire, 40 Jahre an einer Uhr. Die Astronomen glaubten, das Längengrad-Problem fordere mehr Rechenkraft: mehr Sterntafeln, mehr Rechner, mehr Hypothesen. Ich sagte: Nein. Gelöst wird es nicht durch bessere Vorschläge, sondern durch ein Messinstrument, das die Wahrheit an Bord trägt.

Ihr invertiert die falsche Annahme: KI macht Kandidaten billig, nicht Beweise. Wenn Molekül-Ideen im Überfluss entstehen, sinkt ihr Wert, so wie Sterntafeln wertlos wurden, als die Uhr kam. Knapp bleibt, was nicht skaliert: Patienten in Studien, Zulassungsfähigkeit, Herstellung, Daten am Krankenbett.

Die Rally bezahlt gerade das Entdeckungs-Narrativ. Der Wert wandert zu den Besitzern des Chronometers, also zu denen, die beweisen können. Mehr als 170 KI-Programme stehen in der Klinik, zugelassen ist keines. Das ist kein Anfang, das ist ein Stau vor dem Nadelöhr. Ich kann falsch liegen. Aber die Uhr hat damals auch niemand erwartet.


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LarsHattwig

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