Fällt die Midterm-Rally aus? 19 von 19 Mal lag der S&P 500 ein Jahr nach den Zwischenwahlen höher
Midterms 2026: Erst Jubel, dann Crash – wovor die Börse wirklich Angst hat
Die Demokraten erobern den Kongress, die Wall Street feiert einen Tag lang und verliert am nächsten Tag über vier Prozent. Was dahintersteckt und was es für Januar und Februar 2027 bedeuten könnte.
Was bei den Midterms passiert ist
Bei den Zwischenwahlen am 3. November 2026 haben die US-Demokraten beide Kammern des Kongresses erobert. Im Senat drehten sie sieben bislang republikanische Sitze und kommen laut NBC-Projektion auf 54 Mandate. Im Repräsentantenhaus erhalten sie rund 258 Sitzen, so viele hatten die Demokraten zuletzt 1993. Dazu kamen Gouverneursposten, unter anderem in Texas, Georgia, Ohio und Nevada. In Texas besiegte Gina Hinojosa den Amtsinhaber Greg Abbott und wird die erste demokratische Gouverneurin des Bundesstaates seit 1990. Für die Börse zählte dieses Ergebnis fast mehr als die Mehrheiten in Washington: Hinojosa hatte im Wahlkampf versprochen, neue Genehmigungen für Rechenzentren zu stoppen, bis die Legislative im Januar neue Schutzregeln beschließt.
Mittwoch: Erleichterung
Zunächst überwog an den Märkten die Erleichterung. Präsident Trump erklärte, das Ergebnis zu akzeptieren, und nahm damit das Risiko eines langen Streits um die Wahl aus dem Markt. Der Dow Jones legte um rund 1.600 Punkte oder 3 Prozent zu, sein größter Tagesgewinn des Jahres, der S&P 500 schloss bei etwa 7.689 Punkten. Viele Strategen verwiesen auf eine alte Börsenregel: Ein geteilter Kongress bedeutet Blockade, und die mag der Markt. Unter der Oberfläche gaben Chipwerte und Rechenzentrums-Titel allerdings schon nach.
Donnerstag: der Bruch
Am Donnerstag kippte die Stimmung. Der S&P 500 verlor 4,36 Prozent auf 7.353,73 Punkte, der schlechteste Tag seit dem Zollschock im April 2025. Der Nasdaq Composite fiel um 5,52 Prozent und stand damit rund 12 Prozent unter seinem Rekord, also in der Korrektur. Der Dow gab 1.833 Punkte ab. Der Halbleiterindex der Philadelphia-Börse brach um 12,2 Prozent ein. Nvidia verlor 9,3 Prozent, Micron rund 17 Prozent, Sandisk mehr als 22 Prozent. Alle elf Sektoren des S&P 500 schlossen im Minus, der Volatilitätsindex VIX sprang auf den höchsten Stand seit März, und nach Berechnung von CNN verschwanden rund 2,5 Billionen Dollar Börsenwert. Als zusätzlicher Belastungsfaktor kam hinzu, dass Qualcomm mit seinem Smartphone-Geschäft die Erwartungen verfehlte und 9,5 Prozent einbüßte.
Der Aktienmarkt war am Donnerstag (05.11.) in Verkaufslaune. Nasdaq ca. −5,5 %, S&P 500 ca. −4,4 %, Geschätzte Marktwertverluste von rund 3 Billionen Dollar, besonders bei Tech-/AI-Aktien (Nvidia u. a. stark betroffen). Als Gründe werden Angst vor strengeren Regulierungen und Einschränkungen bei Datenzentern seitens der Demokraten in USA genannt.
Weiter unten sieht man, dass es zwar Hotspots gab, aber der Abverkauf den breiten Markt (auch außerhalb des KI-Umfeldes gab) betraf und der VIX stieg fast sprunghaft deutlich über 20, in der Spitze fast bis 30.
Aus technischer Sicht befindet sich bei 7.200 und 7.300 Indexpunkten eine starke Unterstützung – auch wegen der Aufwärtstrendlinie, die aus den beiden vorherigen Korrekturen (Frühjahr 2025 und Frühjahr 2026) entstand.
Die Angst ist groß und der Kursrückgang wurde auch schon von prominenten Leuten (bis hin zum Weißen Haus) kommentiert. Aus technischer Sicht liegt zudem eine überverkaufte Situation vor und daraus könnte auch schnell wieder eine deutliche Gegenbewegung entstehen, wie bei den beiden genannten vorherigen Korrekturen.Die Gegenreaktion heute und Anfang der Woche gibt bereits mehr Aufschluss, aber ein Bruch der 7.200 würde die Korrektur ausweiten.
— Lars Hattwig (@HattwigLars) November 6, 2026
Wovor der Markt wirklich Angst hat
Die Angst gilt nicht den Demokraten an sich, sondern einer Bremse für den KI-Ausbau. Goldman Sachs rechnet vor, dass ab Januar Bundesstaaten mit demokratischer Führung, die Moratorien unterstützen, rund 45 Prozent der geplanten US-Rechenzentrumskapazität stellen. Allein Texas steht für etwa ein Viertel. Jefferies schätzt, dass in Texas 13,3 Gigawatt angekündigter Projekte gefährdet sein könnten, und die Strategen der UBS sehen fast ein Drittel der für 2028 erwarteten US-Rechenleistung unter Druck. Der politische Rückenwind für solche Maßnahmen ist breit: In einer Nachwahlbefragung von NBC lehnten 76 Prozent der Wähler ein neues Rechenzentrum in ihrer Gemeinde ab. Es geht um Strompreise, Wasserverbrauch und Steuererleichterungen für Konzerne.
Goldman selbst hält die Eingriffe allerdings für eher kurzlebig. Denkbar seien mehr Regulierung statt flächendeckender Verbote, oder Rechenzentren wanderten einfach in andere Bundesstaaten. Und Abbott hatte in Texas schon vor der Wahl selbst einen Stopp für neue Netzanschlüsse verhängt. Die Politik ist also eher Auslöser als alleinige Ursache.
Denn der KI-Handel war bereits angeschlagen. Im Oktober hatten Chipwerte und sogenannte Neoclouds wegen steigender Zinsen und Sorgen vor Überinvestitionen nachgegeben. Die Fed hatte im September erstmals seit drei Jahren die Zinsen angehoben (auf 3,75 bis 4,00 Prozent), am 28. Oktober hielt sie still, bei zwei Gegenstimmen für eine sofortige Erhöhung. Für die Sitzung am 8. und 9. Dezember preist der Markt eine weitere Anhebung ein, laut CME FedWatch mit rund 85 Prozent Wahrscheinlichkeit. Die Inflation lag im September bei 3,7 Prozent. Die Wahl lieferte den Anlass für eine Neubewertung, die ohnehin in der Luft lag.
Was die Geschichte sagt und warum sie diesmal hinkt
Historisch gelten die Monate nach Midterms als stark. Seit 1950 lag der S&P 500 zwölf Monate nach jeder der 19 Zwischenwahlen höher, im Schnitt um 15,1 Prozent. Über 38 Midterms seit 1874 waren es im Mittel 14 Prozent bei einer Trefferquote von 84 Prozent, und eine Auswertung von US Bank über 31 Wahlen seit 1900 kommt auf 12,4 Prozent. Dieselbe Auswertung warnt, das Muster sei statistisch nicht signifikant. Außerdem brachte die Konstellation Republikaner im Weißen Haus und Demokraten im Kongress in den ersten drei Monaten im Schnitt nur 1,19 Prozent, gut einen Prozentpunkt unter dem Durchschnitt aller Perioden. Hinzu kommt der Zeitpunkt: Diesmal fällt die Wahl in eine Phase steigender Leitzinsen, hoher Inflation und eines Energiepreisschocks im Zuge des Iran-Konflikts, und die Politik zielt ausgerechnet auf den Sektor, der den Bullenmarkt getragen hat.
KI-Crash nach US-Wahlen: Was die Midterms wirklich mit deinem Depot machen
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Was das für Januar und Februar 2027 bedeuten könnte
Drei Szenarien erscheinen aus heutiger Sicht plausibel.
- Post-Midterm-Rally mit anderem Gesicht. Die Unsicherheit der Wahl ist weg, die Überverkauftheit lädt zur Gegenbewegung ein. Allerdings trägt diesmal weniger die KI-Hardware, sondern die Breite. Liz Ann Sonders von Schwab verweist darauf, dass zuletzt rund 75 Prozent der S&P-500-Werte den Index schlugen, vor wenigen Wochen waren es nur 17 Prozent. Gewinner wären dann Unternehmen, die ihre Rechenkapazität schon besitzen, und defensive sowie zyklische Werte außerhalb der KI-Kette.
- Zähe Verdauungsphase. Die Fed erhöht im Dezember, die Renditen bleiben hoch, und der Markt pendelt um die Unterstützungszone zwischen etwa 7.200 und 7.300 Punkten im S&P 500. Dann entscheidet die Berichtssaison Ende Januar und im Februar: Hält die Capex-Prognose der Hyperscaler für 2027, ist das Szenario beherrschbar.
- Eskalation. Neue Gouverneure und Parlamente setzen im Januar tatsächlich Moratorien um, weitere Bundesstaaten folgen, die Hyperscaler kappen ihre Ausgabenpläne, und die Zinsen steigen weiter. Dann würde aus der Korrektur ein tieferer Rücksetzer, vor allem bei Chipwerten und Neoclouds.
Die Experten sind uneins. Vertreter wie Ed Yardeni sprechen von einem Warnschuss, nicht von einer Sackgasse, und begrüßen sogar, dass Luft aus der Blase entweicht. Andere wie Skanda Amarnath warnen, KI-Investitionen seien eher binär: an oder aus. Timna Tanners von Wells Fargo sieht den eigentlichen Test erst 2028, weil die laufenden Ausgaben schwer zu stoppen seien.
Ausblick
Die Midterms haben der Börse keinen klassischen Wahlschock beschert, sondern einen Strukturtest für die KI-Erzählung. Kurzfristig dürfte die Volatilität hoch bleiben. Mittelfristig sprechen Geschichte, Überverkauftheit und Marktbreite für eine Erholung, während Zinsen, Inflation und die Politik der neuen Gouverneure die Spitze begrenzen können. Die Termine, auf die es ankommt: die Fed am 8. und 9. Dezember, die Amtsübernahmen und Landtagssitzungen im Januar sowie die Capex-Aussagen der Hyperscaler im Februar.
Historisch ist die Phase nach Midterms extrem stark: Seit 1950 war der S&P in den folgenden 12 Monaten fast immer positiv (18/19 oder 19/19 je nach Zählung), Durchschnitt ~15 %; in den ersten 6 Monaten oft ~14 %.
Bis Anfang 2027 heißt das: kurzfristig erhöhte Volatilität und Test der Supports um 7200–7300 (Trendlinie aus den Frühjahrskorrekturen, siehe X Post weiter oben). Überverkauft + historisches Muster spricht für eine Gegenbewegung. Danach saisonale Rückenwind in den klassischen „besten Monaten“ des Zyklus. Der Unterschied zu klassischen Zyklen: 2026 war kein typisches schwaches Midterm-Jahr (der Index war schon stark), und die AI-Policy-Unsicherheit ist neu. Das kann die Rally dämpfen oder in eine Rotation umwandeln (weg von den teuersten AI-Namen, hin zu breiteren Marktsegmenten).
Alternative Variante: Die klassische Post-Midterm-Rally bleibt wahrscheinlich intakt, aber sie wird diesmal weniger von den Mega-Caps getragen. Erwarte eine Phase der De-Konzentration: Equal-Weight, Value, defensive und internationale Werte outperformen den Cap-Weight-S&P, während der AI-Hardware-Komplex weiter volatil und relativ schwächer bleibt.
Dieser Text ist keine Anlageberatung. Historische Muster garantieren keine künftigen Erträge.
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