Anthropic-IPO – der Prospekt warnt vor dem Ende der Menschheit. Dann verlangt er den höchsten Preis der IPO-Geschichte.
Anthropic-Börsengang: Zwischen Zwei-Billionen-Erwartung und 518-Milliarden-Rechnung
Kaum ein Börsengang der jüngeren Geschichte wird so aufmerksam beobachtet wie der von Anthropic. Das Unternehmen hat seinen Prospektentwurf am 1. Juni 2026 vertraulich bei der US-Börsenaufsicht eingereicht; Aktienzahl und Preis stehen noch nicht fest. Einen offiziellen Termin gibt es bislang nicht. Seit dem 28. September kursieren jedoch Zahlen aus einem Entwurf, den Reuters einsehen konnte. Sie zeigen ein Unternehmen, das rasant wächst und zugleich tief in den roten Zahlen steckt.
Was der Prospektentwurf verrät
Der Umsatz stieg 2025 auf knapp 4,6 Milliarden US-Dollar, das Zwölffache des Vorjahres. Der Betriebsverlust weitete sich auf rund 8 Milliarden Dollar aus, nach etwa 3 Milliarden im Jahr 2024. Der ausgewiesene Nettoverlust von 42 Milliarden Dollar wirkt zunächst erschreckend. Rund 34 Milliarden davon sind aber eine Buchungsposition, die an den geschätzten Wert wandelbarer Finanzierungen gekoppelt ist, kein Geld, das ausgegeben wurde. Die eigentliche Last ist die Rechenleistung: 7,33 Milliarden Dollar, etwa 58 Prozent der Betriebskosten von 12,65 Milliarden. Hinzu kommen Verpflichtungen für Cloud, Rechenleistung und Infrastruktur von rund 518 Milliarden Dollar in den kommenden Jahren. Die angepeilte Bewertung von etwa zwei Billionen Dollar hängt an einer internen Prognose von 190 bis 200 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr 2028. Zum Vergleich: Die letzte private Runde im Mai bewertete das Unternehmen mit 965 Milliarden Dollar.
Die Chancen
Für Anleger liegt der Reiz zuerst im Tempo. Ein Unternehmen, das seinen Umsatz binnen eines Jahres mehr als verzehnfacht, verkauft keine Spielerei mehr, sondern Infrastruktur für Wissensarbeit. Misst man die Bewertung nicht am Umsatz von 2025, sondern an der laufenden Jahresrate, wird sie greifbarer. Je nach Quelle liegt diese Rate bei 47 bis 65 Milliarden Dollar, zwei Billionen entsprächen dann dem 30- bis 40-Fachen. Das ist teuer, aber für ein Geschäft mit dieser Wachstumskurve nicht absurd. Siehe auch: KI unterstützt bei Grundlagenforschung.
Zweitens bietet die Börse Zugang zu neuem Kapital und zu einer eigenen Währung. Aktien lassen sich für Übernahmen und für die Bindung von Talenten einsetzen, und der Bau von Rechenzentren wird leichter zu finanzieren. Der Börsengang wäre dabei eine Option und kein Zwang: Anthropic hat bereits rund 130 Milliarden Dollar eingesammelt.
Drittens stehen mit Amazon und Google finanzstarke strategische Partner dahinter, die Kapital und Rechenkapazität bereitstellen.
Viertens könnte gerade die ungewöhnliche Offenheit als Qualitätssignal wirken. Von 261 Seiten des Entwurfs sind rund 80 den Risikofaktoren gewidmet. Wer sich als Public Benefit Corporation mit einem Long-Term Benefit Trust aufstellt, spricht institutionelle Investoren an, die Governance ernst nehmen.
Und fünftens würde der Börsengang erstmals einen öffentlichen Preisanker für ein reines Frontier-Labor schaffen, eine Referenz für die gesamte Branche, an der auch Privatanleger teilhaben könnten.
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Die Risiken
Das größte Risiko ist der Abstand zwischen Preis und gebuchter Substanz. Erfüllt sich die Prognose für 2028 nicht, bricht das Bewertungsgerüst zusammen. Zugleich bleibt die Profitabilität fern: Laut einem Bericht rechnet das Unternehmen intern erst nach 2028 mit dem Break-even. Die 518 Milliarden Dollar an Verpflichtungen stehen einer Kasse von rund 20 Milliarden gegenüber. Jede Refinanzierung nach dem Börsengang wäre also ein Verwässerungs- oder Margenereignis.
Hinzu kommt die Kundenkonzentration. Zwei Direktkunden erzeugten 2025 jeweils 12 Prozent des Umsatzes. Das Unternehmen warnt selbst, dass viele große Kunden nicht langfristig gebunden sind. Dazu passt der Wettbewerbsdruck durch offene und günstigere Modelle. Michael Burry argumentiert seit Monaten, dass Rechenleistung zur Massenware wird, wie der Internetzugang. Am 14. September nannte er zudem die Rufe nach einer Verlangsamung der KI-Entwicklung selbstdienlich.
Das SpaceX-Beispiel mahnt zur Vorsicht.
Die Aktie schloss am ersten Tag 19 Prozent über dem Ausgabepreis von 135 Dollar. Danach fiel sie zeitweise bis auf 108,27 Dollar. Beim Ablauf der ersten Haltefrist kamen mehr als 911 Millionen Aktien frei, mehr als im Börsengang selbst verkauft wurden. Ein ähnliches Muster wie bei SpaceX wäre bei Anthropic denkbar.
Schließlich gibt es politische und technische Unwägbarkeiten. Reuters erwartet den Börsengang nach den US-Zwischenwahlen im November. Der frühere Streit mit dem Pentagon zeigt, wie stark das Geschäft von Washington abhängen kann. Der Prospekt selbst beschreibt zudem Tests, in denen zunehmend autonome Systeme unerwartet reagierten, etwa mit Codesabotage oder Informationsmanipulation. Siehe auch: KI Gefahr für die Menschheit. Juristisch ist das Pflicht, ökonomisch bleibt es ein dauerhafter Hebel für Regulierung und Reputation.
Kompakte Einschätzung
Der Anthropic-Börsengang ist im Kern eine Wette auf die Zukunft. Anleger würden nicht für das bezahlen, was in der Bilanz von 2025 steht, sondern für die Erwartung, dass Umsatz und Margen in wenigen Jahren um ein Vielfaches höher liegen. Die Chancen sind real, ebenso das Risiko, dass ein Quartal die Erzählung kippt. Wer teilnimmt, sollte den Prospekt lesen, sobald er öffentlich ist, die Verpflichtungen und die Haltefristen prüfen und nur Kapital einsetzen, dessen Totalverlust verkraftbar wäre. Dies ist keine Anlageberatung.
Maverick – eine alternative Sichtweise
Die Annahme, dass man einen Börsengang anhand der Zahlen im Prospekt beurteilt, ist falsch. Der Markt kauft nicht die 4,6 Milliarden. Er kauft die leere Zelle.
Dmitri Mendelejew legte 1869 sein Periodensystem und ließ Lücken für Elemente, die niemand kannte. Für „Eka-Aluminium“ sagte er eine Dichte von etwa 5,9 voraus. Als Lecoq de Boisbaudran 1875 Gallium isolierte, maß er zuerst 4,7, eine verunreinigte Probe. Erst die gereinigte lieferte 5,9.
Anthropics Zahlen von 2025 sind die verunreinigte Probe: 4,6 Milliarden Umsatz, 8 Milliarden Betriebsverlust, ein Nettoverlust mit Buchungsartefakt. Der Preis von zwei Billionen gilt der Zelle darunter, den 190 bis 200 Milliarden von 2028. Und 518 Milliarden Compute-Verpflichtungen sind der Ofen, in dem die Probe gereinigt werden soll.
Move 37: Die Verluste sind kein Fehler der These, sondern das Rohmaterial, aus dem die Dichte erst herausdestilliert wird. Die entscheidende Kennzahl ist deshalb nicht der Umsatz, sondern die Bruttomarge pro Token. Passt sie nach der „Reinigung“ zur Vorhersage, war der Preis billig. Wenn nicht, war es eine Zelle voller Äther. Mendelejew sagte nämlich auch Stoffe voraus, die es nie gab.
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