Die Auswahl von Qualitätsaktien der profitablen Unternehmen – Regeländerung

Im ArtikelSechs Möglichkeiten, um erfolgreich Aktien kaufen zu könnenhabe ich unter anderem auch die quantitative Analyse genannt, die wir für die Auswahl von Qualitätsaktien der Profitablen Unternehmen anwenden. Das zugrunde liegende Konzept möchte ich hier noch einmal vorstellen und besprechen, was sich ab sofort geändert hat.

Welche Aktie soll ich jetzt kaufen?

Wer sich einmal unter Freunden von Aktien-Investments umhört oder in Foren und Facebook-Gruppen stöbert oder sich die Mühe macht Suchanfragen bei Google zu analysieren, wird feststellen, dass unter Börsenteilnehmern eine der am häufigsten gestellte Frage ist: „Welche Aktie ist derzeit ein Kauf?“ oder „Was haltet ihr von Aktie „Superanstieg“?“ Je nach anwesenden Mitlesern gibt es jeweils auch viele Meinungen zu diesem Thema. Hört man einige Jahre später nach, wie so der Erfolg beim Anlegen war, winken etliche Leute ab oder geben einfach zu, dass der Durchbruch mit dem eigenen Aktien-Depot noch nicht geschafft wurde. Einige erzählen dann von zwei oder drei guten Aktienkäufen, verschweigen jedoch die anderen fünf bis zehn, die schlimmstenfalls noch mit hohen Verlusten das Depot verschandeln.

Grundsätzlich gilt, dass man an der Börse einen Plan benötigt. Das gilt für Aktienfonds bzw. Aktien-ETFs, aber erst recht für das Managen von Aktien. Ein mäßiger Plan ist immer noch besser als gar kein Plan. Zu einem Plan gehören in jedem Fall Einstiegskriterien, aber auch Ausstiegskriterien. Von letzterem halten selbst einige fortgeschrittene Anleger nicht viel. Da wird lieber die Aktie, die explizit wegen einer (hohen) Dividendenausschüttung gekauft wurde, nach einer Dividendenstreichung mit entsprechendem Kursverlust oft noch Jahre im Depot gehalten. Oder die einstige Rakete ist irgendwann abgestürzt und bleibt mit mehr als 50% Verlust im Depot liegen. „Die kommt bestimmt wieder“, höre ich dann oft.
Ein Grund ist sicher in unserer Psyche zu finden, da wir uns eine Fehleinschätzung nicht eingestehen möchte und Verluste zu realisieren als persönliche Niederlage empfunden wird. Dabei macht es in vielen Fällen Sinn, das noch vorhandene Kapital in aussichtsreichere Aktien in investieren.

Wer keinen Plan zum Investieren hat, wird auf den Erfolg vergeblich warten

Wer zu sich selbst ehrlich ist und die Depotleichen mitrechnet, ist als Aktionär oft meilenweit von der mittleren Marktrendite entfernt, die man sich mit dem MSCI World oder MSCI ACWI jederzeit anschauen kann. Es führt kein Weg daran vorbei, wer an der Börse mit Aktien Erfolg haben möchte braucht einen Plan. Aus diesem Grund habe ich mir vor einigen Jahren die quantitative Analyse für Aktien näher angeschaut. Eine Fondsmanagerin, die dieses Verfahren – was übrigens nichts anderes als eine Form der Smart-Beta-Strategien ist – eine Weile erfolgreich angewendet und in diesem lesenswerten Buch ihre Erfahrungen zusammengefasst. Die quantitative Analyse zur Auswahl von Aktien habe ich als Grundlage genommen, sie an einigen Stellen etwas modifiziert bzw. weiterentwickelt. Das Ergebnis sind die sogenannten „Profitablen Unternehmen“.

Hier scanne ich im Abstand von einigen Monaten die großen Aktien-Indizes durch und in die engere Wahl kommen von den zig tausend Aktien letztendlich einige wenige hundert Titel. Diese müssen dann folgende weitere Kriterien durchlaufen.

Folgende Qualitätskriterien werden zur Bewertung der Profitablen Unternehmen verwendet




  • Dividendenrendite: Niedrige Werte oder keine Dividendenzahlung ergeben einen Minuspunkt, eine höhere Dividendenrendite bedeutet einen Pluspunkt. Und hier gab es jetzt die Änderung ab Januar 2017, dass eine niedrige Dividendenrendite nicht mehr zwei, sondern nur noch einen Minuspunkt ergibt. Gleichzeitig wurde der „neutrale“ Bereich, in dem es keine Punkte gibt vergrößert.
  • Zusätzlich gibt es zwei Kriterien für das Dividendenwachstum. Fünf Jahre Dividendenanstieg in Folge ergibt einen Pluspunkt, eine Dividendenkürzung oder Dividendenstreichung innerhalb der letzten fünf Jahre einen Minuspunkt.
  • Einen weiteren Pluspunkt kann eine Aktie erhalten, falls das mittlere Dividendenwachstum in den letzten fünf Jahren ausreichend hoch war. Minuspunkte gibt es hier nicht.

Fazit Dividendenzahlung: Im besten Fall kann ein Unternehmen drei Pluspunkte sammeln. Aktien ohne Dividendenzahlung erhalten hier einem Minuspunkt, maximal zwei Minuspunkte gibt es bei Dividendenstreichung. Damit besteht noch ein Unterschied zwischen einem an sich gesunden Unternehmen ohne Dividendenzahlung (z.B. Alphabet) und einem Konzern mit Problemen (z.B. Deutsche Bank oder E.On und RWE).

Welche Qualitätsaktien sollte man im Depot haben?

Welche Qualitätsaktien sollte man im Depot haben?

  • Als nächstes werden Kurs-Gewinn-Verhältnis KGV und Kurs-Cashflow-Verhältnis KCV geprüft. Teure, überbewertete Unternehmen mit hohen Werten erhalten hier jeweils einen Minuspunkt (also insgesamt zwei Minuspunkte). Günstig bewertete Aktien können hier maximal zwei Pluspunkte erhalten
  • Expandiert ein Unternehmen? Ein Indiz dafür ist die Umsatzentwicklung in den letzten Jahren. Drei aufeinanderfolgende Jahre mit einem Umsatzanstieg bringen einen Pluspunkt, drei Jahre Umsatzrückgang bedeuten dagegen einen Minuspunkt.
  • Ist der Cashflow positiv, bleibt wirklich Geld im Unternehmen übrig. Ist der operative Cashflow über Jahre hinweg ansteigend, erhält das Unternehmen einen Pluspunkt, ein drei Jahre sinkender operativer Cashflow wird mit einem Minuspunkt quittiert.
  • Als nächstes werden drei Profitabilitätskennzahlen überprüft. Return on Equity, auch Eigenkapitalrendite genannt. Oft korreliert ein hoher Wert auch mit dem überdurchschnittlichen Kursanstieg der Aktie. Sehr hohe Werte deuten auf sehr viel Fremdkapital hin, was in wirtschaftlich schwächeren Zeit zum Risiko werden kann. Hohe Werte bedeuten einen Pluspunkt niedrige Werte einen Minuspunkt, bei Werte um 0 oder darunter auch zwei Minuspunkte.
  • Return on Assets (RoA), auch Kapitalrendite genannt, zeigt unter anderem das Wachstumspotenzial des Unternehmens an. Niedrige Werte bedeuten entweder ein schlechtes Geschäftsmodell oder eine hart umkämpfte Branche. Automobil-Unternehmen können oft nur RoA-Werte unter 5% vorweisen. Auch hier werden negative Werte mit zwei Minuspunkten bestraft.
    Banken und Finanzdienstleister sind von diesem Kriterium ausgenommen, da sie traditionell niedrige Werte um 1% oder nur wenig höher haben.
  • Die Netto-Umsatzrendite, auch Umsatzrentabilität genannt, stellt den auf den Umsatz bezogenen Gewinnanteil dar. Diese Kennzahl lässt erkennen, wie viel das Unternehmen in Bezug auf jeden Euro Umsatz verdient hat. Eine Umsatzrendite von 15% bedeutet, dass mit jedem umgesetzten Euro ein Gewinn von 15 Euro-Cent erwirtschaftet wurde.
    Je höher die Umsatzrendite desto weniger anfällig ist der Gewinn eines Unternehmens für Währungsschwankungen, veränderte Rohstoffpreise oder sonstigen externen nicht vom Unternehmen direkt beeinflussbaren Größen. Auch hier werden gute Werte mit einem Pluspunkt und niedrige Werte mit einem Minuspunkt versehen.
  • Die Eigenkapitalquote gibt den Sicherheitspuffer eines Unternehmens für wirtschaftlich schlechte Zeit an. Ist die Liquidität einigermaßen hoch, erhält das Unternehmen einen Punkt, ein nur geringes Geldpolster wird mit einem Minuspunkt honoriert.
  • Beim Gewinn pro Aktie wird zumindest ein wenig in die Zukunft geschaut. Fällt der Gewinn pro Aktie im laufenden Jahr voraussichtlich höher aus als im vorangegangenen Jahr, gibt es einen Punkt dazu, bei negativer Prognose erfolgt Punktabzug.




  • Beim letzten Kriterium habe ich die Regel ab Januar 2017 geändert. Bislang wurde lediglich die Kursentwicklung der Aktie in den zurückliegenden drei Monaten nominal bewertet. Deutliche Kursrückgänge konnten auch mehrere Minuspunkte zur Folge haben. Jetzt wird die relative Kursentwicklung zu einem Benchmark bewertet. Um es einfach zu halten ist der MSCI ACWI der Benchmark für die relative Kursentwicklung der zurückliegenden drei Monate. Eine deutliche Outperformance gibt einen Pluspunkt, eine deutlich Underperformance einen, bei sehr deutlicher negativer Abweichung auch mehrere Minuspunkte. Eine deutlich schlechtere Kursentwicklung als der Gesamtmarkt können bereits frühzeitig vor den anderen Fundamentaldaten auf Schwierigkeiten im Unternehmen hindeuten, von denen nur einige Insider wissen und sich entsprechend positionieren, bevor das breite Volk die Informationen erhält.

Die Gesamtpunktzahl erlaubt konkrete Kaufsignale und Verkaufssignale

Zum Schluss wird die Punktevergabe aufsummiert und jede Aktie erhält eine Gesamtpunktzahl, die anschließend sortiert werden. Hat ein Unternehmen sechs Gesamtpunkte oder mehr, ist dies ein Kaufsignal. Von Aktien mit einer deutlichen negativen Punktzahl lasse ich grundsätzlich die Finger. Bis Dezember 2016 galt eine Gesamtpunktzahl von 0 oder plus 1 Punkt noch als Halteposition. Aber vor einigen Monaten habe ich mich selbst mit dem ArtikelBessere Qualität von Aktien wird oft erst mittelfristig sichtbardarauf aufmerksam gemacht, dass die Verkaufssignale strenger sein müssen. Beim Depot der Profitablen Unternehmen reicht ab sofort eine Gesamtpunktzahl unter zwei für einen sofortigen Verkauf der Aktie. In den letzten Januartagen mussten auch gleich drei Unternehmen das Muster-Depot verlassen, was auf der Seite der Profitablen Unternehmen nachzulesen ist. Dort finden Sie auch regelmäßig die Plätze 21 bis 35 veröffentlicht. Eine Liste der Top 125 Unternehmen ist gegen eine geringe Gebühr erhältlich. Mitglieder der Passiver Geldfluss Academy haben sowieso jeden Monat Zugang zur aktuellen quantitativen Analyse.

Zum Abschluss noch einmal der Hinweis, dass jeder, der Aktien oder Aktien-ETFs kauft, unbedingt einen Plan und am besten ein festes Regelwerk braucht. Dieses Regelwerk wird dann konsequent befolgt, egal ob alle Leute gerade Angst vor fallenden Kursen haben oder die Marktteilnehmer in Champagnerlaune sind. Wer keinen Plan hat und Bauchentscheidungen trifft, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit eine dauerhafte Underperformance gegenüber dem Marktdurchschnitt erreichen, sofern er überhaupt unterm Strich eine Performance erzielt.

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7 Antworten

  1. Schönes System! Ein System ist nach meiner Meinung so wichtig, wie nichts anderes im Börsengeschehen. Erfolg ist ja schön und gut. Aber wichtig ist doch, dass man Erfolg replizieren kann. Immer und immer wieder. Erfolg aus dem Bauchgefühl heraus zählt gar nichts. 😉

  2. Moritz Koch sagt:

    Die Auswahlkriterien der Frau Levermann sind an sich ja die typischen eines Value-Investors und im Prinzip recht ähnlich dem von Joel Greenblatt. Da die Leistungen eines Fondsmanagers quartalsweise und nicht im Laufe von min. 10 Jahren gemessen werden, musste Frau Levermann sich mittels Trendfolge absichern um nicht eine kurzfristige Underperformance zur Konkurrenz zu vermeiden. Einen wahren Valueinvestor juckt es gar nicht, wenn die Kurse der ausgewählten Aktien fallen. Im Gegenteil! Sie freuen sich über das Sonderangebot.
    Deshalb würde ich den letzten Punkt eher als Kontraproduktiv bei der Auswahl Ihrer Aktien ansehen. Denn Charttechnik hat nichts mit der Qualität von Unternehmen zu tun. Auch weiß ich nicht, ob man der Dividende einen so hohen Stellenwert beimessen sollte.
    Wie wär’s mit einem Musterdepot z.B. bei der Comdirect?

    • LarsHattwig sagt:

      Vielen Dank für den Kommentar – auch für die weiteren Hintergründe zu Frau Levermann.
      Der Einfluss der Dividende wurde jetzt mit der Regeländerung verringert und spielt bei der Entscheidung für eine gute Platzierung keine gewichtige Rolle (mehr).

      Nach meiner Erfahrung kann ich die Aussage, niedrige (oder fallende) Kurse seien grundsätzlich ein Sonderangebot und daher positiv für Aktien zu werten, nicht bestätigen. So schön dies bei Aktienfonds in den meisten Fällen funktioniert, ist es bei Aktien leider zu oft nicht der Fall. Ich stimme Ihnen weitgehend zu, wenn der Kursrückgang einer Aktie mit fallenden Kursen des Gesamtmarktes einhergeht. Bei einer deutlichen Underperformance gegenüber dem Gesamtmarkt, hat dies in der Regel unternehmensspezifische Gründe, oder zumindest solche, die eine Branche betreffen. Wir brauchen hier gar nicht lange zu suchen, schon im DAX gibt es einstige Qualitätsaktien, die zu unseren Lebzeiten wohl nicht mehr ihre damaligen Allzeithochs erreichen werden.

      Grundsätzlich sind die im Artikel genannten Kennzahlen ein Vorschlag, so ich sie derzeit nutze. Natürlich ließe sich dieses Verfahren noch erweitern oder optimieren. Ich weiß von anderen Nutzern, dass sie sich für ihre eigene Aktienauswahl nur einzelne Kennzahlen herausgreifen.
      Frau Levermann selbst hat meines Wissens in ihrem Buch eine Light-Version vorgeschlagen, die hauptsächlich aus RoE und KGV besteht.

      Weitere Darstellungsmöglichkeiten, wie zum Beispiel ein Musterdepot nehme ich mir auf meine ToDo-Liste.

      • ChrisS sagt:

        Ein wichtiger Punkt, den man halt immer beachten muss, wenn man ein Auswahlsystem mit vielen verschiedenen Variablen benutzt, ist halt immer die Interrelation der Variablen untereinander. Ist mir ja auch schon bei den akademischen Herleitungen von Multifaktor-Konstruktionen aufgefallen, und man kann die Levermann-Kriterienliste und ähnliche Ansätze ja auch als ein solches bezeichnen.

        Grob gesagt besteht das System ja aus mehreren Modulen
        – „Value“ wird mit den üblichen K*x*V -Kennzahlen und Div-Rendite überprüft
        – eine Bewertung des kürzerfristigen „Momentum“ findet auch statt
        – mehrere „Quality“- und „Growth“-Kriterien werden abgefragt (ROE/ROA, EK-Quote, Gewinn-, Umsatz- u Cashflow-Wachstum etc.)

        Das „Problem“ dabei ist, dass man beachten muss ob/wie sich die einzelnen Module untereinander eigentlich auch „gegenseitig widersprechen“ können. Als Beispiel, Value und Quality sind ja etwas negativ korreliert. Richtige „Deep Value“-Unternehmen schaffen es meist nicht auch in den Quality/Growth-Kriterien überdurchschnittlich punkten zu können (sie sind ja eben auch meist nicht einfach nur grundlos so unterbewertet wie sie eben sind), während wirkliche High Quality-Unternehmen meist auch nicht gleichzeitig besonders niedrig Value-bewertet sind (denn wenn ihre attraktiv hohe Qualität ja schon für Jeden bekannt ist, schlägt sich das meist auch schon in hohen Bewertungen nieder).

        Genauso muss man auch darauf achten, welche „zeitliche Horizonte“ die verschiedenen Faktoren eigentlich überhaupt haben bzw brauchen. Fundamentale Bewertungsmaßstäbe (wie zB Value, Quality) arbeiten eher in langen, mehrjährigen Zyklen (und so lange muss man eben auch eine Aktie, wenn man die nach diesen Maßstäben auswählt, halten können), während sich Faktoren, die auf Preissignalen beruhen (Momentum etc) ja viel schneller, zB binnen Monaten und Wochen schon ändern können – was wieder auch eine viel „aktivere“ Handelsfrequenz benötigt als bei den Fundamentalwertmethoden.
        Je nachdem bei welchem Ansatz eben die persönliche Priorität liegt, kommen da eben auch wie erwähnt „gegenläufige“ Signale zu Tage – bspw. bei einem qualitativ besonders hochwertigen Unternehmen, von dem man deshalb eigentlich überzeugt ist dass es eine sinnvolle und rentable Langfrist-Anlage über Jahre darstellt, ist ein (im kurzfristigeren Maßstab) schwaches Momentum eher eine zusätzliche KAUFgelegenheit, also positiv (das übliche „gute Aktien billiger kaufen können“-Argument). Während einem Momentum-Investor, der nur nach relativer Stärke und Trendfolge handelt, eigentlich auch schnurzpiepegal sein kann ob ein Unternehmen mit aktuell hohem Momentum nun auch besonders qualitativ ist oder nicht, er will ja sowieso eh nur den kurzfristigen Trend mitreiten und springt auch wieder ab, sobald sich der Trend ändert.

        Nur eher selten findet man zwischen diesen beiden Polen auch viele „Meister aller Klassen“, also Unternehmen die eine besonders hohe Qualität haben UND dazu auch noch gleichzeitig besonders unterbewertet sind. Und diese Nadeln im Heuhaufen findet man dann auch, wenn überhaupt, eher in weniger beachteten Nebenwerte-Segmenten als in den Standardaktien, die ja auch von allen Anderen schon zu Tode analysiert werden.

        In der Praxis sorgt eine Rankingmethode, die aus zwei oder mehr gegenläufigen Modulen besteht, meist im Endeffekt dafür dass sich ein Mittelmaß-Mischmasch ergibt, also eine Auswahl die weder richtig Fisch noch Fleisch ist, sondern Durchschnitt von allem.

        Es gibt zum Beispiel bei der Konstruktion von Multifaktor-Ansätzen eine akademische Diskussion darüber, ob man „integrative“ oder „separative“ Methoden verwenden sollte, und was die Vor/Nachteile beider sind.

        „Integrativ“ ist, eine Aktie auf alle Faktoren gleicherzeitig zu prüfen, also zB wie hoch ihr Value-Ranking UND ihr Quality-Ranking (UND ihr Momentum-Ranking, und ihr LowVol-Ranking etc ist….) – und dann am Ende daraus ein aggregiertes Durchschnitts-Ranking erstellt, nachdem dann die Endauswahl vorgenommen wird. Da aber natürlich eine Aktie in der Realität meist nicht bei allen Kennzahlen gleichermaßen die beste sein kann (nicht möglich weil sich eben viele Kennzahlen auch etwas „widersprechen“… die Value-Kennzahlen Kurs-Whatever-Verhältnis zum Beispiel werden ja attraktiver, je niedriger der Kurs fällt… was sich aber wiederum negativ auf den Momentum-Wert auswirkt), besteht das Durchschnitts-Ranking am Ende halt auch aus Aktien die eben… eher durchschnittlich sind und in keiner Kategorie wirklich einzeln herausragen können.

        Der „separative“ Ansatz bewertet das Aktienauswahluniversum demgegenüber lieber in getrennten „Töpfen“. Zum Beispiel werden in einem Topf eben die besten Value-Aktien hineingeworfen (zB die 100 niedrigbewertetsten Aktien aus dem SP500), und zwar ganz unabhängig davon ob/wie sie nun den anderen Faktorkriterien genügen. In den „Quality-Topf“ kommen dann wiederum nur die 100 höchstqualitativen Aktien des SP500, auch wieder ohne auf deren Value etc zu achten. Und so weiter mit allen anderen möglichen Faktoren.
        Am Ende werden dann diese unabhängigen Einzelportfolios wieder in ein großes Gesamtportfolio zusammengelegt (wenn sich da mögliche „Crossover-Gelegenheiten“ ergeben, also eine Aktie zB gleichzeitig im Value-Topf UND im Quality-Topf vorkommt, kann man sie ja doppelt so hoch gewichten, meist wird aber der gemeinsame Anteil in den einzelnen Portfolios eher gering sein). Die jeweiligen „Sub-Indizes“ der einzelnen Faktoren haben dann auch eine feste Gewichtung (zB. 50% Value, 50% Quality, etc.) und werden regelmäßig rebalanced (so kann man auch die negative Korrelation verschiedener Faktoren langfristig besser glätten)

        Alles ganz interessant, sich mal mit der akademischen Literatur dazu zu beschäftigen. Es geht ja auch nicht unbedingt darum, welcher der Ansätze nun besser ist (überhaupt ist ja jedes System besser, als einfach nur garkeins zu haben), und ich habe auch nicht unbedingt eine persönliche Präferenz in die eine oder andere Richtung. Man kann zwar mit Backtests schön theoretisch einiges hin und her analysieren, am Ende zählt wohl aber nur der Praxisbeweis, den wir aber (da konkrete Produkte mit diesen Ansätzen noch sehr jung sind) wohl erst in 15-20+ Jahren so einigermaßen seriös abgeben können.

        Achja Lars, was den Benchmark ACWI angeht, wenn in deinem Aktien-Auswahluniversum für die „Profitablen Unternehmen“ ja eh schon keine Unternehmen aus Schwellenländern mit beobachtet werden, wäre es ja auch sinnvoller für die Benchmark beim MSCI World zu bleiben. (Wenn du natürlich auch viele Unternehmen aus Schwellenländern mit analysierst und sie theoretisch auch ins Portfolio kommen könnten, dann bleib beim ACWI). Ich persönlich würde auch nicht soviel Wert auf die Dividenden-Kriterien legen… bzw eigentlich würde ich sie sowieso garnicht beachten. Da bin ich doch lieber ein „Separativer“ – wenn ich besonders gute Dividendenaktien für mein Dividendendepot suche, habe ich da ja lieber andere, eben zielführend-spezifische Auswahlkriterien (die eben meinem Ziel genügen sollen, einen besonders a) hohen, b) stabilen und c) möglichst wachsenden Ausschüttungsstrom zu liefern). Auch hier „widersprechen“ sich die einzelnen Kriterien wieder etwas untereinander: wie wir ja wissen sind die höchstausschüttendsten Unternehmen auch meist nicht gleichzeitig die mit den am stärksten wachsenden Dividenden (und umgekehrt das gleiche), genauso wie auch die schon besonders lange zahlenden Aristokraten meist wieder in den anderen Kategorien nicht mehr besonders punkten können. Auch hier steht man wieder vor dem selben Bewertungsproblem – aggregiert man das zB in Durchschnittsrankings (also ein Portfolio aus vielen Unternehmen die dann jeweils so einigermaßen mittelmäßig allen drei Kriterien gleichgut genügen können) oder teilt man das lieber in die verschiedenen „Sub-Töpfe“ auf (also ein Gesamtportfolio getrennt aus ein paar einzelnen Highyieldern, ein paar Growern, ein paar Aristokraten). Wenn du es bei deinen „Profitablen Unternehmen“ eigentlich garnicht primär auf ein wirkliches Ausschüttungs-Depot abgesehen hast, sondern sie einfach nur eine viel allgemeinere „gute Langfristanlage“ sein sollen, wäre es dafür eigentlich auch zielführender, statt der Dividende einfach nur gleich die Unternehmensgewinne an sich zu betrachten (denn nur die Gewinne sind ja überhaupt die eigentliche „Quelle“ der Dividenden danach, plus das würde auch den Vergleich zwischen Zahlern und Nicht-Zahlern wieder etwas fairer machen). Also – wie hoch ist die Gewinnrendite (E/P), aktuell und im langfristigen Durchschnitt, wie stark steigen die Gewinne, auch wieder aktuell und im langfristigen Durchschnitt (und in zweiter Ableitung davon, wie stark steigt oder fällt das Gewinnwachstum selbst?), und wie stabil oder schwankend sind die Gewinne ? (zB. Standardabweichung der einzelnen Earnings über mehrere Jahre – um so konjunkturabhängige Zykliker, die kurzfristig top oder flop sein können, von den langfristig krisenfesten Burggraben-Unternehmen zu unterscheiden).

        • LarsHattwig sagt:

          Hi Chris,
          vielen Dank für diesen mal wieder fast längeren Kommentar als der gesamte Artikel 🙂
          Die hier beschriebene Weiterentwicklung der quantitativen Analyse ist der derzeitige Stand meines eigenen Regelwerks für die Auswahl von Einzel-Aktien. Das ist sicher noch längst nicht das Optimum, wobei sich die Frage stellt, wie viel Aufwand der Optimierung letztendlich noch zu einem in der Praxis spürbaren Mehrwert führt (Stichwort Pareto-Prinzip).
          Es hat auch nicht den ganz streng wissenschaftlichen Ansatz, der bei den Faktor-ETFs zur Anwendung kommt. Insofern stellt sich für Privatleute sowieso die Frage, ob sie nach einem eigenen Regelwerk gezielt Einzel-Werte herauspicken wollen oder den Aufwand gegen eine geringe Gebühr (TER) gleich den Algorithmen der ETF-Struktur überlassen. Die Antwort muss jeder für sich selbst finden.

          Zusätzlich ist bei mir persönlich die Geduld bei schwach performenden Einzel-Aktien begrenzt (anders als bei Aktien-ETFs, solange des Volumen nicht gen 0 tendiert), weil ich in der Vergangenheit einfach schon zu oft an die langfristige Erholung geglaubt hatte, die dann letztendlich doch nicht eintrat oder die Ausdauer sogar noch mit einer Dividendenstreichung „belohnt“ wurde. Wer mal eine Aktie wegen regelmäßiger Dividendenzahlung gekauft hat und diese dann mit gestrichener Dividende und rund 50% Kursverlust das eigene Depot schmückt, weiß wovon ich spreche.

          Noch kurz zum Thema Dividenden: Dieses Kriterium habe ich bereits schon abgeschwächt, weil ich gerade auch gute Unternehmen ohne hohe Dividendenzahlungen mit vorderer Platzierung sehen möchte. Gerade in unserer immer schmelllebigeren technologischen Zeit verzichtet ein Anleger auf Performance, wenn er junge Geschäftsmodelle völlig außer Acht lässt.

          Auf jeden Fall Danke an alle Kommentare, die für interessierte Leser und Freunde von Einzel-Aktien in jedem Fall genügend Anregungen und Inspiration für eigene Aktien-Investments geben 🙂

          • Moritz Koch sagt:

            Geduld ist die oberste Tugend des Investors.
            (Benjamin Graham)

            Und dass man Zykliker nicht kauft sollte, wenn sie von allen bejubelt werden, sondern erst, wenn sie am Boden liegen und die Dividende zusammengestrichen haben, gehört zum kleinen 1×1 des antizyklischen Investierens. (kleine Anspielung auf BHP 😉 ).
            Hierzu kann ich nur die Bücher von Peter Lynch empfehlen. Mit seiner Hilfe konnte ich letztes Jahr mit Öl- und Rohstoffwerten bis jetzt mehre Double Bagger einfahren. Wichtig ist natürlich der vorzeitige Absprung am Ende des Zyklus. Dieser kann bei Rohstoffen aber sehr lange dauern. Zum Glück gibt’s da aber die Bildzeitung. Wenn da berichtet wird, dass Öl- und Eisenerz bald teurerer wird als Gold und Diamanten und man unbedingt jetzt in Öl- und Rohstoffunternehmen investieren muss, weiß man, dass das Kapital weiter ziehen muss und überlässt die Letzten 10-20% den Dummen, denn diese werden bekanntlich auch gebissen.

        • Moritz Koch sagt:

          Wow!!!
          Was für ein Komentar.
          Mit Value- und Qualitykriterien kann ich mich gut anfreunden (siehe Greenblatt), aber Momentum und Charttechnik sollten, nicht zum Vokabular eines Langfristinvestors gehören.

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